Verehrung von 108 Lingams

Verehrung von 108 Lingams

Auf der Mauerkrone, in sorgfältig abgemessenen Abständen, waren 108 kleine Lingams aufgereiht – abstrakte Darstellungen des Gottes Shiva, die mit Milch, Blüten und Gebeten als Zeichen der Hingabe geehrt wurden.

Ein Ritual der Hingabe: 108 kleine Lingams

Die Sonne über der Ebene von Butwal, Nepal, stand bereits hoch am Himmel, ihre Strahlen tauchten den Hof des Ashrams in ein warmes, goldenes Licht. Es war ein besonderer Tag, ein Tag der spirituellen Einkehr und des gemeinsamen Tuns, der tief in der Tradition des Shivaismus verwurzelt war. Im Zentrum des Geschehens stand die äußere Mauer, die den zentralen Shiva-Tempel umschloss – nicht nur eine Begrenzung, sondern die Bühne für ein heiliges Ritual.

Die Prozession der Mütter und Kinder

Eine Gruppe von Frauen hatte sich versammelt, die meisten von ihnen begleitet von ihren jungen Kindern – Töchtern, die sich eng an den Sari ihrer Mutter klammerten, und Söhnen, die neugierig das Geschehen beobachteten. Die Kinder waren Teil dieses spirituellen Lebens, lernten durch Beobachtung und Nachahmung die tiefe Ehrfurcht ihrer Eltern. In ihren Händen trugen die Frauen kleine Messingschalen oder Körbe, gefüllt mit den Gaben, die Shiva, dem Zerstörer und Erneuerer, dargebracht werden sollten: frische Blütenblätter, duftendes Sandelholzpulver, Reiskörner und kleine Mengen reiner Milch. Es war eine Prozession des Glaubens, die sich langsam entlang der steinernen Mauer bewegte.

Die Verehrung der Steine

Auf der Mauerkrone, in sorgfältig abgemessenen Abständen, waren 108 kleine Lingams aufgereiht. Der Lingam ist die abstrakte und anikonische Darstellung des Gottes Shiva, ein Symbol seiner schöpferischen Energie und des Universums selbst. Diese 108 Steine stellten die Vollständigkeit des hinduistischen Universums dar, eine heilige Zahl, die in der Gebetskette (Mala) und in vielen vedischen Traditionen wiederkehrt. Jede Frau hielt vor einem der Lingams inne. Mit tiefer Konzentration und andächtigen Murmeln begannen sie ihr Ritual. Sie beträufelten die Steine mit der Milch, ein Zeichen der Reinigung und Hingabe, bestreuten sie mit den farbenprächtigen Blüten und dem Reispulver und vollzogen damit eine kleine Abhishekam (rituelle Waschung).

Der Nachwuchs lernt das Dharma

Die Kinder spielten eine zentrale, wenn auch oft passive Rolle. Sie waren keine bloßen Zuschauer; sie assistierten ihren Müttern. Manche reichten die Schale mit dem Weihwasser, andere halfen, die verstreuten Blütenblätter einzusammeln. Für sie war dies kein trockenes Dogma, sondern eine lebendige, sinnliche Erfahrung. Sie rochen das Sandelholz, spürten die Kühle des Steins und sahen das unerschütterliche Vertrauen in den Augen ihrer Mütter. An diesem Tag lernten sie nicht nur ein Ritual, sondern das Dharma – die kosmische Ordnung und die richtige Lebensweise, die durch die Generationen weitergegeben wird.

Ein Moment der spirituellen Gemeinschaft

Das Foto, das diesen Augenblick festhielt, war mehr als eine Momentaufnahme. Es war ein Zeugnis der spirituellen Kontinuität. Es zeigte die Verbindung von Mutter und Kind, die Hingabe an Shiva und die Stärke der Gemeinschaft, die im Ashram von Butwal lebte. Nachdem die letzte Gabe dargebracht war, verharrten die Frauen noch einen Moment in stiller Einkehr, bevor sie den Hof verließen, ihre Herzen gefüllt mit dem Segen, den sie durch die Verehrung der 108 heiligen Steine empfangen hatten. Die Mauerkrone glänzte nun von der Milch, den Blüten und dem unerschütterlichen Glauben ihrer Verehrerinnen.

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